Auslöser sind möglicherweise flüchtige Stoffe wie Duftstoffe, Zigarettenrauch, Lösungsmittel, Abgase oder Emissionen aus Baumaterialien und Reinigungsmitteln, die von der Allgemeinbevölkerung in der Regel ohne Symptome toleriert werden.
Als charakteristisch gilt, dass die Symptome reproduzierbar bei erneuter Exposition auftreten, sich nach Meidung der auslösenden Stoffe bessern und die Betroffenen auf mehrere, chemisch nicht verwandte Substanzen reagieren.
In der Fachliteratur wird MCS als chronische, multisystemische Umweltintoleranz beschrieben; gleichzeitig ist die Einordnung als eigenständige Erkrankung umstritten, da pathophysiologische Mechanismen noch nicht abschließend geklärt sind.
Die beschwerdeauslösenden Konzentrationen der Auslöser liegen bei MCS weit unterhalb der sonst jeweils bekannten Wirkschwellen. (Vgl.: Deutsches Ärzteblatt) Gesicherte Erkenntnisse, welche umweltbedingten Ursachen verantwortlich sind, existieren indes, wie bereits erwähnt, bislang nicht. (Vgl.: UBA)
Ursächlich für MCS ist möglicherweise der Kontakt mit vielfältigen Umweltstoffen und Noxen wie Holzschutzmittel, Lösungsmittel, Insektizide, Schwermetalle, Desinfektionsmittel und Duftstoffe. (Vgl.: MCS Leitfaden Dermatologie)
Als typische Auslöser im Alltag sind vor allem luftgetragene Chemikalien aus gewöhnlichen Produkten und Umgebungen im Gespräch. Dazu gehören synthetische und natürliche Duftstoffe in Parfüms, Deodorants, Wasch‑ und Reinigungsmitteln, Weichspülern, Raumdüften und anderen duftstoffhaltigen Produkten, die in Innenräumen die Raumluft zusätzlich belasten.
Als ursächlich identifizieren Betroffene überdies Lösungsmittel und flüchtige organische Verbindungen, etwa aus Farben, Lacken, Klebstoffen, Lösungsmitteln, Drucker‑ und Kopierern, neuen Möbeln, Teppichen, Bodenbelägen und anderen Baumaterialien, insbesondere wenn sie neu sind oder frisch renoviert wurden.
Betroffene berichten, dass bereits geringe Konzentrationen dieser Alltagsstoffe, die von den meisten Menschen problemlos toleriert werden, reproduzierbar Beschwerden auslösen.
Bisher stehen keine allgemein anerkannten diagnostischen Tests zur Verfügung, mit denen sich die berichteten Symptome über physiologische oder biochemische Messwerte eindeutig belegen lassen. Eine Diagnose erfolgt derzeit klinisch anhand von Symptomen und Ausschluss anderer Erkrankungen, da objektive Biomarker fehlen. MCS weist folglich bislang primär einen beschreibenden Charakter auf. (Vgl.: Deutsches Ärzteblatt)
Die Symptome, über welche im Zusammenhang mit MCS gesprochen wird, sind vielfältig und betreffen laut Konsensus-Kriterien (vgl.: Bartha et al., Konsensus 1999) mehrere Organsysteme gleichzeitig. Der Leidensdruck wird von den betroffenen Patienten teils als sehr hoch angegeben. (Vgl.: DocCheck) Am häufigsten klagen Patientinnen und Patienten über Kopfschmerzen, Atemnot, Müdigkeit, Augen- und Nasenreizungen, Konzentrationsstörungen, Schwindel und Schmerzen im Bewegungsapparat. In vielen Fällen nimmt die Intensität der Symptome sowie deren Anzahl im Krankheitsverlauf zu. (Vgl.: PTAheute)
Viele Betroffene berichten überdies von einer deutlich beeinträchtigten Lebensqualität und einer spürbar reduzierten Leistungsfähigkeit, sodass sie ihren bisherigen Beruf häufig nicht mehr ausüben können. Alltägliche Aufgaben und Verpflichtungen werden dadurch ebenso erschwert wie das Pflegen sozialer Kontakte, etwa im Freundes- und Familienkreis. Der daraus entstehende Leidensdruck kann sehr ausgeprägt sein und in schweren Fällen bis hin zu einem weitgehenden Rückzug aus dem sozialen Leben und sozialer Isolation reichen. (Vgl.: UBA)
1999 wurden folgende ‚Konsenskriterien‘ für MCS konstatiert (vgl.: Bartha et al.,1999 Konsensus):
- Die Symptome sind bei [wiederholter chemischer] Exposition reproduzierbar.
- Der Zustand ist chronisch.
- Niedrige Expositionsdosen [geringer als zuvor oder allgemein toleriert] führen zu Manifestationen des Syndroms.
- Die Symptome bessern sich oder gehen zurück, wenn die auslösenden Stoffe entfernt werden.
- Reaktionen treten auf mehrere chemisch nicht verwandte Substanzen auf.
- Die Symptome betreffen mehrere Organsysteme.
MCS entsteht nach heutigem Stand nicht durch einen einzelnen, klar identifizierten pathophysiologischen Mechanismus, sondern wird als funktionelles, multifaktorielles Syndrom verstanden. Viele Betroffene erleben zunächst eine Phase erhöhter chemischer Belastung (z.B. Renovierungen, Innenraumschadstoffe, Lösungsmittel oder Arbeitsstoffe) und entwickeln danach eine anhaltende Überempfindlichkeit gegenüber sehr niedrigen Konzentrationen verschiedener Chemikalien.
Das Robert Koch-Institut führte im Auftrag des Umweltbundesamtes mehrere Studien zum Multiplen Chemikaliensensibilität durch – mit dem Ergebnis, dass keine wissenschaftlich begründbaren Mechanismen zur Pathogenese (Entstehung einer Krankheit) von MCS identifiziert werden konnten. Der objektive Befund deckt sich demnach nicht mit dem subjektiven Befinden der Betroffenen. Mithin ist weiterhin nicht geklärt, ob es sich bei MCS um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt.
Obgleich in Bevölkerungsstudien etwa neun Prozent der Befragten unter einer selbst wahrgenommenen Chemikaliensensitivität leiden (vgl.: Hausteiner et al.: Self-reported chemical sensitivity in Germany), gibt es bislang zur Entstehung des Syndroms lediglich Hypothesen.
Ein MCS-Leitfaden aus dem Jahr 2020 fasst zusammen:
„Theorien zur Pathogenese schließen klassische Konditionierung, psychische Bedingungen, körperliche Stressreaktionen, kulturelle Prägung, toxisch bedingten Toleranzverlust und veränderte zentrale Stimulusverarbeitung ein.“ (Harter et al.: Leitfaden)
Auch ein multifaktorielles Modell werde diskutiert.
Oft treten im Zusammenhang mit MCS psychosomatische Belastungen auf, deren Rolle in Ursache und Verlauf jedoch nicht abschließend geklärt ist. Fraglich bleibt so, ob die MCS-Symptome ursächlich für – oder die Folge dieser psychosomatischen Beschwerden sind. (Vgl.: UBA)
Wenn die Ursache ungeklärt ist, fällt die Behandlung schwer und Abhilfemöglichkeiten sind oftmals wenig zufriedenstellend. So gibt es derzeit keine anerkannte kausale Therapie für MCS. Umso wichtiger ist es laut Deutschem Ärzteblatt aus der Sicht der klinischen Umweltmedizin, die Betroffenen mit ihrem Beschwerdebild nicht allein zu lassen. Folglich stehen Symptomlinderung und Alltagsbewältigung im Vordergrund.
Betroffene können viel bewirken, indem sie ihre persönlichen Auslöser systematisch identifizieren und – soweit möglich – meiden. Dazu gehören etwa duftstofffreie Produkte, bewusst ausgewählte Baustoffe und Möbel, gut gelüftete Arbeits- und Wohnräume sowie gegebenenfalls Luftreinigungsgeräte mit geeigneten Filtern.
Hilfreich kann außerdem sein, die körperliche und psychische Belastbarkeit zu stabilisieren: eine ausgewogene, möglichst zusatzstoffarme Ernährung, ausreichend Schlaf, dosierte Bewegung und das Einüben von Entspannungstechniken (z.B. Atemübungen, progressive Muskelentspannung, Meditation) können das Nervensystem entlasten und Stressreaktionen dämpfen.
Psychosomatische oder psychotherapeutische Unterstützung hilft, mit Angst vor Auslösern, sozialem Rückzug und Konflikten im Umfeld umzugehen und konstruktive Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Das Ziel ist eine schrittweise Verbesserung der Lebensqualität.
Kurz: Es bedarf eines stabilen Netzwerks aus medizinischer Betreuung und psychosozialer Unterstützung.
Für Menschen mit MCS können duftstofffreie Räume im Rahmen individueller Anpassungen zur Symptomreduktion beitragen (vgl. ‚fragrance-free policies‘). Wie beschrieben können bei MCS bereits sehr geringe Mengen von Duftstoffen aus Parfüms, Deos, Waschmitteln oder Raumdüften Beschwerden auslösen. Regelungen zu duftstofffreien Räumen könnten dabei unterstützen, Auslöser in Innenräumen deutlich zu reduzieren.
Wichtig werden diese Überlegungen nicht zuletzt im rechtlichen und gesellschaftlichen Raum. Zentrale Aspekte sind barrierearme bzw. duftstoffreduzierte Umgebungen (z.B. in Arztpraxen, Kliniken, Verwaltungen), angepasste Arbeitsplätze sowie ein sensibler Umgang von Arbeitgebern, Behörden und Sozialleistungsträgern mit den funktionellen Einschränkungen, um Stigmatisierung und soziale Isolation zu vermeiden.
Das Projekt „Raumbeduftung und Innenraumluftqualität“ des Deutschen Allergie- und Asthmabunds (DAAB) beschäftigt sich intensiv mit solchen duftfreien Räumen im Zuge von Duftstoff-Unverträglichkeiten: Es gibt demnach gesundheitliche „Beschwerden auf luftgetragene Duftstoffe. Dies sind keine allergischen Reaktionen, sondern eine Duftstoffunverträglichkeit. Dabei ist das Immunsystem nicht beteiligt, sondern der Körper reagiert auf die reizende oder auch toxische Wirkung der eingeatmeten Duftstoffe.“ (DAAB)
In Deutschland kritisieren vorwiegend umweltmedizinische Fachleute, Betroffenenorganisationen und Selbsthilfegruppen, dass MCS trotz teils massiver Einschränkungen der Lebensqualität wissenschaftlich untererforscht, in der Regelversorgung kaum berücksichtigt und häufig vorschnell in Richtung Psyche oder „eingebildete Krankheit“ abgewertet werde.
Diese Kritik nimmt im öffentlichen Diskurs einstweilen nur einen kleinen, spezialisierten Raum ein: Sie findet sich in Fachinterviews, Nischenmedien und auf Seiten von Selbsthilfegruppen, während große Fachgesellschaften und Leitliniengremien das Thema nur am Rand oder unter dem Oberbegriff funktionelle Störungen bzw. IEI (Idiopathic Environmental Intolerance, dt.: „idiopathische Umwelt-Unverträglichkeit“) behandeln.
Die überwiegende Mehrheitsmeinung in der deutschen Medizin ist zurückhaltend bis skeptisch: MCS wird als umstritten, schwer objektivierbar und wissenschaftlich unzureichend geklärt angesehen, weshalb viele Ärztinnen und Ärzte die Diagnose meiden oder Beschwerden eher anderen Kategorien zuordnen.
Insgesamt ist die Diskurssituation dadurch asymmetrisch: Eine relativ kleine, engagierte Gruppe fordert Anerkennung, mehr Forschung und eine umweltmedizinisch orientierte Versorgung (vgl.: etwa EGKU-Infoblatt), während der ‚Mainstream‘ der Medizin MCS zwar als Phänomen kennt, ihm aber bislang weder hohe Priorität noch einen klaren Krankheitsstatus im Sinne einer etablierten, somatischen Diagnose einräumt.
MCS beschreibt eine von vielen Betroffenen als überaus einschränkend erlebte Überempfindlichkeit gegenüber alltäglichen Chemikalien, für die es bislang weder eine allgemein akzeptierte Definition, noch gesicherte Ursachen, objektive Diagnosemarker oder kausale Therapien gibt. Gleichzeitig zeigen Studien und Erfahrungsberichte, dass Betroffene bereits bei sehr niedrigen Konzentrationen von Umweltstoffen reproduzierbar multisystemische Beschwerden erleben, was zu gravierenden Einbußen von Leistungsfähigkeit, Berufstätigkeit und sozialer Teilhabe führen.
Während MCS in der klinischen Umweltmedizin als ernstzunehmendes, multifaktorielles Syndrom mit hohem Leidensdruck betrachtet wird, stuft der medizinische Mainstream es mangels belastbarer Pathomechanismen und Testverfahren weiterhin als umstritten ein und ordnet es häufig funktionellen bzw. psychosomatischen Störungen zu.
Entsprechend wichtig werden derzeit vor allem praktische Maßnahmen zur Auslöservermeidung eingestuft sowie duftstoff- und schadstoffärmere Umgebungen und ein biopsychosozial orientiertes Unterstützungsnetz, bis Forschung und Versorgungslage in Deutschland geklärt und besser ausgebaut sind.
Literatur
Bartha, L. et al.: Multiple chemical sensitivity: a 1999 consensus. 1999.
Deutscher Allergie- und Asthmabund e. V. (DAAB): Projekt Raumbeduftung und Innenraumluftqualität. Abgerufen am 23.02.2025.
Deutscher Apotheker Verlag: Was ist eigentlich eine multiple Chemikalien-Sensitivität? Abgerufen am 23.02.2026.
Deutsches Ärzteblatt: Multiple Chemical Sensitivity: Eine Darstellung des wissenschaftlichen Kenntnisstandes aus arbeitsmedizinischer und umweltmedizinischer Sicht. Abgerufen am 23.02.2026.
DocCheck Flexikon: Multiple Chemikalien-Sensitivität. Abgerufen am 23.02.2026.
DocMedicus: Multiple Chemical Sensitivity (MCS) – Ursachen. Abgerufen am 23.02.2026.
Europäische Gesellschaft für Klinische Umweltmedizin e. V. (EGKU): Multiple Chemikaliensensitivität (MCS). Infoblatt 01. Abgerufen am 23.02.2025.
Eis, D. et al. The German multicentre study on multiple chemical sensitivity (MCS). 2008.
Hausteiner C. et al.: Self-reported chemical sensitivity in Germany: a population-based survey. 2005.
Katharina Harter et al.: Multiple Chemikaliensensibilität (MCS): ein Leitfaden für die Dermatologie zum Umgang mit den Betroffenen. 2020.
Umwelt Bundesamt (UBA): Multiple Chemikaliensensibilität. Abgerufen am 23.02.2026.